Hochzeit heute vor 65 Jahren: Alles Gute Oma & Opa!

Heute denke ich ganz besonders an meine Großeltern. Nicht nur, dass mein Opa heute seinen 94. Geburtstag gefeiert hätte. Meine Oma und mein Opa haben genau heute vor 65 Jahren, am 3. April 1950, geheiratet. Sie würden also heute ihre Eiserne Hochzeit feiern. Leider sind sie seit einigen Jahren nicht mehr unter uns. Und doch verbindet mich mit den beiden viel, denn den Großteil meiner Kindheit habe ich mit ihnen verbracht. Vor allem während meiner eigenen Hochzeitsvorbereitungen hätte ich gern Antworten auf die Frage gehabt: „Wie war das bei Euch damals?“. Doch geblieben sind mir nur ein paar Fotos. Bridezilla-Themen wie Pompoms, Cake Topper und Headpieces waren 1950 sicher nicht an der Tagesordnung. Vielmehr ging es ums nackte Überleben.Hochzeit 1950 Oma und Opa Hochzeitszug durchs Dorf

Der 2. Weltkrieg und seine Folgen waren noch allgegenwärtig. Ein jüngerer Bruder meiner Oma war an der Front gefallen. Ein Foto von ihm stand immer bei ihr im Wohnzimmer. Mein Opa selbst ist jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Gesprochen hat er darüber nie. Zur Hochzeit 1950 wurde das Beste aus der Situation und einfach allem, was im ländlichen Niedersachsen aufzutreiben war, gemacht. Mit einer Vintagehochzeit im heutigen Sinne hatte das jedoch nichts zu tun. Das Brautkleid hatte lange Ärmel und war meines Wissens selbst genäht. Oma (27) trug einen langen Schleier, Opa (29) einen Zylinder. Beide hatten weiße Handschuhe an. Vermutlich wurde ein Schwein wurde geschlachtet und die Kuchen und Torten selbst gebacken, denn ein Festmahl musste her. Blumen kamen aus dem heimischen Garten. In der Dorfkirche fand die katholische Trauung statt und anschließend zogen die frisch Vermählten samt Hochzeitgesellschaft durchs Dorf. Aus dem benachbarten Duderstadt wurde ein Fotograf beauftragt einige wenige Fotos für das Familienalbum zu machen.

Alle feierten ordentlich, meistens sogar eine ganze Woche lang, denn viele Anlässe zur Freude gab es in diesen Zeiten nicht. Die Gäste schenkten ganz selbstverständlich Dinge des täglichen Bedarfs: Handtücher, Bettwäsche, Töpfe, Besteck und Geschirr. Man brauchte diese Geschenke auch, denn sie bildeten den Grundstein für den ersten gemeinsamen Haushalt. Trotz schwieriger Verhältnisse bin ich mir sicher, dass die Hochzeit für meine Großeltern einer ihrer schönsten Tage im Leben war. Zwei Jahre später kam die erste Tochter der beiden zur Welt, meine Patentante, 3 weitere Jahre später die zweite, meine Mama.Gruppenfoto Hochzeit 1950 Oma und Opa

Paare, die heutzutage heiraten, werden Jubiläen wie die goldene, diamantene oder eiserne Hochzeit mit Verlaub nur selten erreichen – Mr. Right & mich eingeschlossen. Und dabei will ich gar nicht auf die hohe Scheidungsrate hinaus. Wir heiraten einfach später, leben oft jahrelang in wilder Ehe zusammen, durchlaufen lange Ausbildungen oder Studiengänge und machen Karriere. Die eigene Hochzeit rückt somit in ferne Zukunft. Die deutsche Durchschnittsbraut traut sich heute im Alter von über 30 Jahren. Wer da noch den 65. Hochzeitstag feiern möchte, muss auf ein langes, gemeinsames Leben hoffen.

Bräute in den 50ern hingegen heirateten im Schnitt mit Mitte 20 und mussten das meistens auch. Warum? Nun ja. Den Luxus Anti-Baby-Pille gab es damals noch nicht und so kam es, dass rund ein Drittel aller Frauen bei ihrer Hochzeit schwanger war. Das Paar „musste heiraten“. Weit verbreitet war, dass die Braut unter diesen Umständen ein schwarzes Kleid trug. Nicht selten handelte es sich um eine Zweckehe und weniger um eine Liebesheirat, damit man selbst und das ungeborene Kind versorgt war. Ledig ein Kind in die Welt zu setzen hatte die soziale Ausgrenzung zur Folge. Abgesehen davon hätte ein unverheiratetes Paar auch gar nicht zusammen sein oder gar zusammen wohnen dürfen. Das war bis sage und schreibe 1974 per Gesetz im sog. Kuppeleiparagraph geregelt. An Privatsphäre war aber auch mit Trauschein nicht wirklich zu denken. Die meisten jungen Paare, so auch meine Großeltern, wohnten nun mit den eigenen Eltern bzw. Schwiegereltern und deren Eltern unter einem Dach. Das traditionelle Rollenmodell – der Mann sichert den Unterhalt und die Frau kümmert sich um Heim, Herd und Kinder – wurde nicht hinterfragt.

Noch ein weiterer, sehr trauriger Umstand der Nachkriegsjahre: Als Fräulein konnte man sich glücklich schätzen überhaupt einen Ehemann gefunden zu haben. Durch den Krieg waren die Frauen in der Überzahl. Auf 100 Frauen im Alter von 25-45 Jahren kamen 1950 nur 77 Männer. Aktuell ist das Verhältnis ausgewogen. Es ist schon verrückt: Zwischen der Hochzeit meiner Großeltern und meiner eigenen liegen zwar nur rund 65 Jahre und doch irgendwie Welten. Wie null und nichtig kommen einem da plötzlich Themen wie Stuhlhussen, Gastgeschenke, Hochzeitsreise und Photo Booth vor?!

Hochzeit 1950 Oma und Opa

Liebe Oma, lieber Opa,

ich gehe einfach mal davon aus, dass Ihr das hier lest auf Eurer Wolke da oben. Am 3. April 1950 habt Ihr Euch die Treue in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit bis dass der Tod Euch scheidet versprochen. All das habt Ihr tatsächlich auch erlebt und das Versprechen trotzdem gehalten. Ganz bestimmt hattet Ihr es alles andere als einfach im Leben, aber Ihr habt das Beste daraus gemacht. Wie gern hätte ich Euch letztes Jahr bei meiner eigenen Hochzeit dabei gehabt und Euch meinen Mann vorgestellt. Irgendwie weiß ich einfach, dass Ihr ihn gemocht hättet. Dass Eure Hochzeitsbilder 65 Jahre später noch einmal gezeigt werden und Eure Enkelin beim Schreiben dieser Zeilen zu Tränen rühren, hättet Ihr Euch wahrscheinlich auch nicht träumen lassen. Fühlt Euch herzlich umarmt. Ich hab Euch für immer in meinem Herzen.

Eure Melanie

Fotos oben: Fotoatelier Neulen aus Duderstadt, 3.4.1950

Foto unten: Till Gläser Hochzeitsfotografie, 7.6.2014

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2 Gedanken zu “Hochzeit heute vor 65 Jahren: Alles Gute Oma & Opa!

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